Die Augsburger Band Tillmann tourt mit neuer Sängerin durch Deutschland
Von Klaus Raab
Augsburg - Es begab sich wohl einst, so verlautet es aus Bandkreisen, dass eine ältere Dame den Schlagzeuger Sammy mit ihrem Gehstock bedrohte, nicht jedoch, ohne diese Geste mit der erregt vorgebrachten Aufforderung zu verbinden, die Musikanten mögen doch hurtig beenden, womit sie kurz zuvor angefangen hätten: das fröhliche Hochzeitsfeste, dessen stimmungsvolle Unterhalter sie hätten sein sollen, mit dieser "Urwaldmusik" zu versaubeuteln. Die Geschichte, welche sich freilich schwer überprüfen lässt, endet damit, dass man vor dem Verlassen der Hochzeitsgesellschaft einen Walzer gespielt habe, wobei dieses aber per Gitarrenschrammeln vor sich gegangen sei und somit wohl auch hingerotzt genannt werden könnte.
Laut sei schließlich wichtig, findet Gitarrist Tom und macht mit seiner Luftgitarre vor, wie es aussieht, wenn es laut wird. Es handelt sich bei ihm und den anderen Aufständischen um die Augsburger Band Tillmann. Der Name hat seinen Urspurng im Lied "galeere", welches mit den Worten "riemen schneiden" beginnt. Von dort ging der Weg über einen Versprecher zu "Riemenschneider", was bekanntlich auch der Nachname des Bildhauers Tilman gewesen ist. So erkor man sich alsbald den 1525 im Bauernkrieg aufständisch gewordenen Künstler zum Namenspatron.
Allein das Werk von Tilman Riemenschneider und Tillmann entbehrt jeder Vergleichbarkeit. Während der Meister zahlreiche Altäre und Figuren schuf, wollen Tillmann lediglich "crazy Performances" abliefern, wie es Sammy nennt. Und das deutschlandweit. Heute Abend spielen sie im "spontan" in Deggendorf, bald kommen sie nach München. Und dann raus aus dem Freistaat. Mal kämen nur drei Leute zum Konzert, ein anderes Mal sei der Saal voll, weiß Tom. Für eine Amateurband ist das nicht gerade ungewöhnlich. Tillmann wollen der Republik zum zweiten Mal zeigen, wie Gitarrenpop aus Augsburg klingt; Pop, in den die Sängerin Davina Neue-Deutsche-Welle-Elemente einbringt, während Bassist Chris, Keyboarder Alex, Sammy und Tom poprocken und eine Rockerpose zwischen Axl Rose und Pur kultivieren. Heidschi boombeidschi, yeah!
Reich und sexy
"Wir wollen reich und sexy werden", sagt Sammy. Aber leben können die fünf von ihrer Musik noch nicht. Was sie könnten, sei, Spaß zu haben beim Spielen. Der Satz fällt oft. Und ein wenig träumen, das wird ja auch erlaubt sein. "Auf dem Bizarre-Festival aufzutreten, das ist der Traum", sagt Tom. Doch der Weg dorthin führt nur über eine Plattenfirma, die Tillmann nicht haben. Platten werden in Eigeninitiative aufgenommen, "gemastered" und vertrieben - nicht aber, ohne auf der Homepage darauf hinzuweisen, dass "gemastered" eine "dumme" Verdeutschung eines englischen Wortes sei. Ja, das stimmt schon, Tillmann, zumal Tilman Riemenschneider einst auch auf das Mastern verzichtete. So ändern sich die Zeiten.
süddeutsche zeitung vom 10.03.02
